Abgrenzung. Eine Ode an den Stinkefinger



Alles in mir schreit danach einfach "Nein" zu sagen und ich spüre Wut aufkommen um mir meinen Raum zu nehmen und einfach ganz klar damit zu sein, dass ich das auch so machen darf.

Doch was kommt stattdessen aus mir raus?


"Ja, klar."

Vielleicht sogar noch ein geheucheltes:

"sehr gerne".


Das fühlt sich gar nicht toll an. Doch ich irgendwie bringe ich es nicht über mich einfach zu sagen, was ich sagen will. Weil es sich nicht gehört, weil es frech ist, weil ich dann nicht gemocht werden, weil dann alle sauer sind, weil ich enttäuschen könnte und wenn ich noch länger überlege fallen mir bestimmt noch ganz viele andere Begründungen ein.


Das war ganz lange Zeit für mich eine sehr häufige Situation. Und je häufiger ich in diese Situation kam, desto häufiger wollte ich ganz laut "Nein" sagen. Irgendwann wurde daraus auch eins, doch leider mit der Energie von sehr sehr vielen nicht ausgesprochenen davor. Ich kann inzwischen von mir behaupten, dass ich es deutlich weniger erlebe, teilweise sogar gar nicht mehr und dass es ein Lernprozess war der bitter nötig war um mir das Leben so wieder zurück zu holen, wie ich es mir mal vor einiger Zeit gedacht hatte.


Kennst du ähnliche Situationen?


Vielleicht kennst du Menschen denen es total leicht fällt, dass sie machen was sie wollen. Das kann sehr beeindruckend wirken, wenn wir gerade gar nicht schaffen und den Raum zu nehmen. Doch was machen diese Menschen denn konkret anders? Das ist eine gute Frage und ich werde etwas ausholen und dir ein paar persönliche Dinge von mir erzählen um den Unterschied deutlicher zu machen.

Du kannst auch gerne die speziell für diesen Artikel erstellte Meditation nutzen um dich selbst besser verstehen zu können oder um einfach mal neugierig einzutauchen und zu spüren was in deinem Körper und Geist passiert, wenn du dich wirklich abgrenzt. Doch nun drehen wir die Zeit mal ein wenig zurück und ich nehme dich mit in meine Kindheit.


Ich war schon als kleines Kind mit einem sehr starken Willen gesegnet und wusste ganz genau was ich will. Wenn ich einen Einfall oder eine Idee hatte dann konnte ich Stunden, Tage und Wochen damit zubringen das zum Ende zu bringen. Natürlich war es auch immer besser gestern als heute, doch im Grunde hatte ich mich auf eine Sache eingeschossen dann komme was da wolle, ich brachte es zu Ende. Für die Erwachsenen war das natürlich manchmal etwas anstrengend denn ich hatte natürlich auch manchmal Ideen in denen ich diese fest eingebunden hatte. Und nun ja, die wurden dann so lange überredet, bis ich umsetzen konnte. Und gnade allen, die etwas von mir wollten, was ich überhaupt nicht wollte. Da habe ich den Trotzkopf rausgeholt und sehr häufig das Gegenteil davon gemacht, denn sagen lassen wollte ich mir nichts. Ich kann mich noch an eine Nacht erinnern in der ich aufgestanden bin um mein gesamten Zimmer umzustellen, weil es ja dann schöner aussieht.


Sehr zu meinem Vorteil habe ich diese Qualität genutzt als ich mal länger im Krankenhaus liegen musste und eine total dubiose Kinderkrankheit hatte. "Kawasaki Syndrom", nannte sich der Spaß und hat mich glaub ich ungefähr zwei Monate Krankenhaus gekostet. Für mich war sonnenklar, dass ich gesund werde und dass ich auch eh keinerlei Folgeschäden haben würde. Das war nämlich die Sorgen von allen und ich fand dass die alle maßlos übertrieben hatten. Die Oberärztin sagte einfach nur zu meiner Mutter, dass ich so super schnell gesund geworden wäre, weil ich ganz genau wissen würde was ich will.


Doch wie ihr euch vorstellen könnt wird es dann doch mal irgendwann unangenehm mit anderen Menschen. Es gab ein einschneidendes Erlebnis für mich bei dem ich meiner Meinung nach total falsch reagiert hatte und dann hatte ich einfach nur noch blöde Gedanken über mich und bin ehr in den Selbstboykott gegangen und suchte mir ein Umfeld, was mir auch spiegelte dass ich gar nicht so ein toller Mensch bin. Das kam mir natürlich total gut in den Kram, weil ich genau das über mich dachte. Ich hoffte aber immerzu dass andere Menschen mir sagen, dass ich toll bin und dann würde ich ja wieder selbst dahin kommen, dass ich mich mag. Ebenfalls Pustekuchen! Leider dauerte das ein paar Jährchen, bis ich dahinter kam, dass nur ich selbst dafür sorgen kann dass ich mich toll finde.


Nur, aber wirklich nur, wenn wir selbst uns so annehmen können wie wir sind, werden wir uns frei entfalten können. Der Raum den wir uns geben ist immer sehr genau an unser Selbstbild angepasst. Und es ist deine Aufgabe dir den Raum zu nehmen, der dir zusteht.


Doch wir sind alle natürlich Menschen die geliebt werden möchten. Unsere Reaktion auf Anfeindungen ist ja entweder Rückzug oder Angriff. Und dann geht das optimieren los. Das ist ein richtiges Problem. Bloß nicht zuviel davon und zuwenig davon. Bloß nicht auffallen, Bloß nicht zu laut sprechen, bloß keine klare Meinung haben. Immer nett lächeln, die Wohnung aufräumen, Samstags den rasen mähen und Sonntags ruhig sein. Bei schönem Wetter einen Spaziergang machen. Bloß nicht einer Arbeit nachgehen die Spaß macht, denn dann muss danach ja noch eine Schicht mit "richtiger" Arbeit gemacht werden. Das könnten wir jetzt noch ewig zu weiter machen und wette mit dir, wenn du dich vor einen Block setzen würdest und alles was du denkst "was man halt so zu tun hat" aufschreiben würdest, wärest du morgen noch damit beschäftigt.

Doch steht auf unserem Grabstein später drauf, dass wir alle Regeln befolgt haben? Steht da drauf, dass wir drei Villen hatten und ein dickes Auto gefahren sind? Dass unser Rasen immer akkurat kurz geschnitten war?

Nein!

Doch was könnte passieren wenn wir auf einmal genauer auf uns hören und die Regeln ein wenig an das anpassen, was uns gut tut? Das könnte negativ auffallen. Alles war nicht mehr angepasst ist, kann auch schnell ausgegrenzt werden. Ausgrenzung fühlt sich wirklich unangenehm an.


Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen Ausgrenzung und Abgrenzung?


Wenn wir irgendwann wütend werden und die Wut zu Hass umschlägt weil wir so lange nicht auf uns geachtet haben, dann schlagen wir bildlich gesprochen um uns. Das ist dann wirklich für niemanden mehr angenehm und danach kommt auch häufig die Scham und die Schuldgefühle und wir denken dann dass es ja wirklich nicht in Ordnung ist dass wir uns abgrenzen. Doch was wir mit dieser krassen Emotion machen ist keine Abgrenzung, sondern Ausgrenzung. Wir hauen bildlich gesprochen einmal um uns und natürlich fühlt sich das dann im Nachhinein scheiße an.

Da geht es aber dann wirklich nicht um das Gleiche wie bei der gesunden Abgrenzung von der ich schreibe. Wenn wir lernen auch mal in den kleinen Momenten für uns einzustehen und uns auch einfach schlichtweg nicht mehr unfreiwillig einbinden lassen, dann werden wir keinen Hass dazu benutzen um uns zu befreien, sondern wir haben einfach nur unsere Willenskraft und können uns abgrenzen ohne uns auszugrenzen. Natürlich kann auch das dazu führen, dass die Menschen in deiner Familie erstmal komisch reagieren oder beleidigt sind. Das liegt aber einfach daran, dass man es ja von dir gar nicht kennt und das natürlich blöd ist, wenn du sonst immer alles gemacht hast und auf einmal nicht mehr. Das kostet natürlich auch alles ein wenig Übung und wir müssen wie alles im Leben ja erstmal lernen, dass es auch anders geht. Doch es lohnt sich wirklich!


Was ich als sehr interessantes Mittel für mich herausgefunden habe, ist der Stinkefinger. Dabei geht es natürlich um die Energie mit der du diesen benutzt. In Hass auf jemanden ist das natürlich gar nicht so angenehm und ich würde jetzt vielleicht auch nicht empfehlen das überall auf der Straße zu üben und allen Leuten den Mittelfinger ins Gesicht zu halten. Was du definitiv üben kannst ist es für dich im privaten mal auszuprobieren. Was macht es mit dir wenn du dich breitbeinig hinstellst und mit beiden Händen einen Mittelfinger in den Raum zeigst. Gern auch mit weit geöffneten Armen und so richtig groß. Wenn das auch nur einen Bruchteil der unangenehmen Gefühle und Gedanken in dir auslöst, wie bei mir dann kannst du drauf an, dass Abgrenzung dir schwer fällt.


Meine Frage zum Ende ist, warum meinst du denn dass der Stinkefinger bei uns sogar eine Straftat ist, wenn wir ihn erheben? Wie findest du, wie wir mit diesem Thema umgehen und wie sollten wir damit sein?


Das würde mich ja interessieren.


LOTS of STINKEFINGER...... ;-)


Sylke



P.S.: Diesen Artikel gibt es auch als Podcast, in einer etwas anderen Version.







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